Die klassischen Schriften des Taijiquan

Von Christian Unverzagt erscheint demnächst eine kommentierte Übersetzung der klassischen Schriften des Taijiquan. Der hier wiedergegebene Text stellt eine kurze Übersicht für Taiji-Europa dar.

Alles fließt

Die Klassischen Schriften des Taijiquan sind eine kleine Sammlung kurzer Texte, die in einer Mischung aus Poesie und Prosa, einfachen Merkversen und elegantem Parallelstil, prägnanten Bildern und versteckten Literaturzitaten das Wesen und die Prinzipien der Kampfkunst des Taiji formulieren. Konkrete Übungsanweisungen verbinden sich mit Kosmologie und Metaphysik, Erläuterungen zu Haltungs- und Bewegungsprinzipien werden in den uralten chinesischen Kontext von Lebenspflege und Selbstkultivierung gestellt, unterschiedliche Formen der Kraftentwicklung werden einander im Rahmen von Kampfkunststrategien gegenübergesetzt. Es überlagern sich daoistische und konfuzianische Einflüsse sowie Spuren mündlicher und schriftlicher Überlieferung.

Alter, Autorschaft und Auffindung bzw. Überlieferung der Texte sind umstritten. Während sie einer Geschichte zufolge 1852 in einem Salzladen in Wuyang (Provinz Hebei) gefunden worden sein sollen, suggerieren andere Darstellungen eine nahtlose Überlieferung, die über einen (historisch allerdings nicht identifizierbaren) Wang Zongyue aus der Ming-Zeit (1368-1644) bis auf den sagenumwobenen Zhang Sanfeng aus der Song-Dynastie (960-1279) zurückgehen soll.

Die verschiedenen Überlieferungslinien des Taijiquan haben z.T. ihre eigenen Versionen der Klassischen Schriften, die leicht voneinander abweichen. Selbst innerhalb ein und desselben Stils gibt es Unterschiede in ihrer Zusammenstellung, bisweilen differieren die Titel oder die genaue Textgestalt. Manchmal findet man sie in Veröffentlichungen neben anderen wichtigen Texten zum Taijiquan.

Unter dem Titel „Klassische Schriften des Taijiquan“ wurden sie zum ersten Mal 1912 in einer Überlieferung der Yang-Linie veröffentlicht. In den 1920er und 30er Jahren folgten Abdrucke in verschiedenen Büchern. Seit den 1960er Jahren gibt es Übertragungen ins Englische, seit den 1970er Jahren Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche, mittlerweile auch aus dem Chinesischen ins Deutsche.

Die Zusammenstellung mit der weitesten Verbreitung entstammt der Yang-Stil-Überlieferung:
* Die Zhang Sanfeng zugeschriebene „Abhandlung über das Taijiquan“ (Taijiquan lun)
* Der Wang Zongyue zugeschriebene „Klassiker des Taijiquan“ (Taijiquan jing)
* Die Wu Yuxiang (1812?–1880) zugeschriebenen „Erläuterungen zum tieferen Verständnis beim Üben der Dreizehn Figuren“ (Shisan shi xinggong xinjie)
* Das (anonyme) „Lied von den Dreizehn Figuren“ (Shisan shi ge)
* Das (anonyme) „Lied von den Schlagenden Händen“ (Dashou ge)

Literatur:

Davis, Barbara: The Taijiquan Classics. North Atlantic Books, Berkeley 2004 
Wile, Douglas: Lost T’ai-chi Classics form the Late Ch’ing Dynasty. State University of New York Press 1996